SINGER

SONGWRITER

Corona und das Jahr des Probenraums

Eine Erzählung

Magnus betrat den Probenraum. Schaumstoff an den Wänden. In der Ecke eine leere Kiste Nörten. Keiner da. Ach doch. Unter einer blauen Maske versteckte sich ein Bassist mit erschreckend langen Haaren. "Na, alles klar mein Sohn?", fragte Magnus. Der Bassist war nicht sein Sohn aber Magnus hatte sich vorgenommen, kauziger aufzutreten, um die Kunstfigur zu schärfen. Respektloses Verniedlichen gehörte da nun dazu. "Das Bier ist leer!", brummte der Bassist tieffrequent und miesgelaunt. "Ich bringe Zigaretten und du das Bier. So war der Deal!"
"Sorry, hab's vergessen. Aber mache jetzt eh mal 'ne Alkoholpause bis die Klausuren vorbei sind und so"

"Dein Ernst?"

"Großer Ernst. Ernst Magnus", anwortete Magnus Ernst.

"Alter wie heinzig", raunte der Bassist.

"Naja, was willste machen?"

"Kannste nix machen."

"Kannste auch nicht. Später kommt einer vorbei, der will uns für 'ne Doku über Musiker während Corona filmen."

"Und was will er da filmen?"

"Was wir so machen. Proben oder so."

"Aber wir proben ja garnicht. Das einzige, was wir machen, ist, dass ich die Zigaretten kaufe und du das Bier. Und nichtmal das machst du."

"Hat ja niemand behauptet, dass die Doku gut werden soll."

Magnus legte endlich die Gitarre in die Ecke. Doch die Jacke behielt er noch an.

"Rauchen?"

"Rauchen."

Nebeneinander standen sie auf der schmalen Stahltreppe an der Seite des Hauses, in dem ungefähr jede Band der Gegend ihren Probenraum hatte. Quatschten, wo sie die Tage sonst so gewesen waren und wie sehr dort überall auch nichts los gewesen war. Überall, wo man war, war nichts los. Außer man war in den Nachrichten. Verrückte hatten gestern das Kapitol gestürmt. Der mitteldeutsche Verband esoterischer GrundschullehrerInnen hatte große Mengen medizinischer Masken und wissenschaftlicher Pandemieliteratur auf dem Marktplatz der Nachbarstadt verbrannt. 5 Meter große Killerentenküken fraßen die letzten Urlauber von den Küsten Südeuropas und aufgebauschte Herden Wildhamster die letzten Ernten von den Feldern.

Der Blick schweifte über die bescheidenen Schornsteige des Industriegebiets Frankenberg-Nord. Das Verhältnis der täglichen Ein- und Auspendler war nach wie vor ausgeglichen. Corona konnte das nicht ändern. Frankenberg blieb stabil.

© 2020 Magnus Ernst