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Anekdoten

Der Mond, die Ampel, das Reh und ich

1 Uhr nachts. Ich fahre von der Kneipe nach Hause. Also nicht von einem durchzechten Kneipenabend sondern von einem Auftritt irgendwo in irgendeiner Provinz. Bei Paderborn oder im bergischen Land. Jedenfalls fahre ich auf einsamen Bundesstraßen durch kleine Orte, dunkle Wälder und über mondbeleuchtete Anhöhen. An der Ecke da vorne wäre ich letztes Jahr beim Blitzeis fast in die Böschung gerutscht. Heute ist es trocken und mild. Der Rock N'Roll auf Sparflamme, den ich krampfhaft versuche von beiden Seiten abzubrennen, spielt sich oft mehr in der Vernunft ab, als mir lieb wäre. Aber ich fahre nüchtern, um mir den unersetzlichen Führerschein vorerst zu bewahren. Ich bin pünktlich, vergleichsweise freundlich zur Gastgeberin und dem Publikum und unterschreibe anständig die Quittung nach Erhalt der kleinen Gage. Die Liste der gespielten Songs reiche ich pünktlich bei der GEMA ein. Das große Abenteuer des an fremden Orten Auftretens begränzt sich auf ein gesundes Maß, was die überbordenden Drogenexzesse, den Suff und das andere Geschlecht angeht.
Als heimische Coverband, die ein paar Mal im Jahr in der Kneipe um die Ecke vor ihren Freunden auftritt, trinkt man gerne über den Durst. Vor, während und nach dem Auftritt. Feiert sich und lässt sich feiern. Es ist ja eine Party, die echten Stars sind ja auch immer voll gewesen und heute ist man Star. Und gut, dass das so ist.

Und die tatsächlichen Stars können sich ein gewisses Maß an Suff wahrscheinlich auch erlauben, müssen sie ja nicht selbst den Nightliner in die nächst Stadt hieven.

Als kleiner Künstler, den außer der etwas größeren Ambition nichts von der heimischen Coverband von zuvor unterscheidet, darf man dann beides machen. In Eckkneipen spielen und selbst in die nächste Stadt oder, wie heute, nach Hause fahren. Sich zu sehr selbst zu feiern, ist aber eher weniger gern gesehen.

Jedenfalls fahre ich über irgendeine Bundesstraße, bin mit dem Gig ganz zufrieden. Meine Stimme hat bei dem einen hohen Ton gemacht, was sie soll und ihn getroffen. Fast jedenfalls. Das Publikum war aufmerksam (was nicht selbstverständlich ist), ich hatte ein nettes Gespräch mit einem älteren Herrn an der Theke und hab von den drei Frauen, die nachmittags von einem Junggesellinnenabschied in dieser Kneipe hängen geblieben waren, unter viel hochtönigem Lachen vor der Tür eine Zigarette geschnorrt. Ein junger Mann hat mir noch eine zweite Zigarette angeboten, damit ich noch kurz mit ihm draußen bleibe. Ich habe ihm ein Like meines Instagramaccounts aufgeschwatzt, habe ihm genau auf die Finger geschaut, als er „Fairtrade Cocaine“ sorgfältig in seiner Playlist gespeichert hat und zum Tausch habe ich ihm nicht widersprochen, als er über die Klimabewegung geschimpft hat. Bin ja heute auch mit dem Auto unterwegs, da bin ich auch weniger heilig, als ich in sozialen Medien gerne von mir glauben mache.

Ein furchtbar langer Ort, durch den ich gerade fahre. Und dann auch noch nur 30 über Nacht. Ich nehme einen Schluck aus dem Tankstellenkaffee in meinem Getränkehalter neben der Handbremse und beiße in mein fünfunddreißigstes Ciabatta mit Tomate und Mozzarella dieses Jahr. Eins von denen aus der Gebäckauslage neben der Tankstellenkasse. Immer gleich geschmacklos der Mozzarella und immer gleich wässrig die Tomaten aber doch oft die erste Wahl unter den letzten, nächtlichen Möglichkeiten. Und ich habe mein Lebtag noch nicht über Remoulade geschimpft.

Beim Beschleunigen aus dem Ort fällt mir, beim Versuch mit der Ciabattahand zu schalten, eine Tomatenscheibe unter den Sitz. Da kann sie bleiben, denke ich mir und genieße den fünften Gang.

Mit einer noch in der legalen Toleranz liegenden Geschwindigkeit von plus/minus 100km/h nähere ich mich einer Kreuzung mitten im Nichts. Der letzte Ort liegt schon zwei Kilometer zurück, der nächste ist noch nicht zu sehen. Aber diese Kreuzung im Nichts ist mit vier Straßenlaternen und einer Ampelanlage ausgeleuchtet. Natürlich zeigt sie mir rot. Ich rolle, bremse und halte an. Niemand da. Links reflektiert eine der Rückseiten der Schilder grün. Die Musik im Auto ist gemeinsam mit dem Akku meines Handys gestorben. Es ist still. Rechts stöckelt ein Rehbock unbehelligt über die Straße und schaut zu mir herüber. Für einen kurzen Moment wundern wir uns beide, warum ich nicht fahre. Ich würde ihm gern erklären, dass das wegen der Regeln passiert, an die wir uns nunmal alle halten müssen. Rot heißt anhalten. Punkt. Ich stehe nun schon anderthalb Minuten vor der sinnlos roten Ampel. Es kam noch immer kein anderes Fahrzeug vorbei. Wollte ich nicht mal Musiker werden, um mich von sozialen Regeln ein bisschen zu befreien? Für niemanden zu warten, ist eigentlich unvernünftig. Zu fahren illegal. Aber auch Rock N' Roll auf Sparflamme ist immernoch Rock N' Roll. Ich fahre einfach los. Ein kleiner, unbemerkter Akt der Rebellion reicht ja manchmal schon aus als Abenteuer.

Aber ist es Rebellion, wenn niemand sie sieht? Naja. Zumindest ich hab's bemerkt. Und der Rehbock.

 

Deutscher Porno

Ein brandaktuelles Thema im Independentmusikmarketing ist, die eigene Musik in YouTube-Videos fescher Influencer*innen zu platzieren und so subtil Werbung für sich zu machen.

Mit dem Thema wurde ich vor Kurzem auf andere Art konfrontiert als erwartet. Ich bin über eine hier namentlich mal nicht erwähnte Webseite für private Livestreamkonzerte buchbar. Die sind für mich recht unaufwendig, meistens gut bezahlt und bedeutend besser als überhaupt keine Konzerte.

Jedenfalls bin ich über diese Seite letztens für eine Firmenfeier engagiert worden. Um was es sich genau handelte, wurde vorher nicht spezifiziert. Da ich aber einfach mein normales Repertoire spielen sollte und nichts besonderes zu lernen hatte, habe ich auch nicht näher gefragt.

Gewöhnlich sind bei Zoomcallkonzerten immer ganz viele Leute in ihren einzelnen kleinen Fenstern und diejenigen, die am lautesten in ihren Wohnungen rumpoltern, sind auf dem großen Bild in der Mitte zu sehen, während man mich im Hintergrund singen hört.

Bei diesem Stream war das aber irgendwie anders. Als ich mich in den Stream schaltete, war da nur ein Fenster und ein oberkörperfreier Mann schaute in seinem Fenster von oben auf mich herab. Mit Doppelkinn und allem. Er begrüßte mich freundlich: Rolf. Schöner Name. Ich habe keine besondere Vorliebe für Männerkörper und so hat mich auch dieser nackte, schmächtige Oberkörper nicht vom Gegenteil überzeugt.

„Sind wir nur zu zweit?“, fragte ich.

„Neeee, ich bin nur gerade mit meinem Handy noch hier am Büffet. Moment ich schleppe dich schnell zu den anderen und schließe dich an die Anlage an, damit dich auch alle hören können.“

Netter Mann, dachte ich. Für ein/zwei Minuten sah ich nur Flackern und hörte den Windzug am Handymikro. Plötzlich gab es ein lautes Knacken, das Bild war wieder klar, das Handy stand, wo es stehen sollte.

Zehn Leute standen mir in einer gut ausgeleuchteten Halle gegenüber. Ich begrüßte sie und hörte was ich sagte laut durch die Halle schallen. Die Anlage funktionierte. Im Hintergrund stand eine nackte Frau und wischte sich das Gesicht mit einem Handtuch ab. Ich erkannte langsam wo ich war. Kurz fand ich so eine große Menschenansammlung unverantwortlich. Die Leute hier waren aber alle garantiert auf Corona getestet (mindestens!), da ihre Jobbeschreibung wohl keinerlei Sicherheitsabstand erlaubte.

Ich spielte, wie man mir nun erklärte, auf der Aftershowparty des Staffelfinales einer Pornoproduktion.

Alle waren froh, die Arbeit hinter sich zu haben. Es wurde Sekt geöffnet und gelacht, während ich in meinen ersten Song startete. Nach drei Songs tanzte auch der ein oder andere.

Man macht sich ja keine Vorstellung, wie eine Aftershowparty einer Pornoproduktion aussieht. Ich dachte darüber nach, dass manche Musiker*innen vor und nach ihren Auftritten im Backstage immer eine Gitarre auf dem Schoß haben und probieren, alle umhersitzenden zum Mitmachen zu motivieren, während andere Musiker*innen die Arbeit Arbeit sein lassen und nach einem Konzert lieber in Ruhe dasitzen und Witze reißen.

Bei diesem Pornodreh waren alle Mitarbeitenden Menschen der zweiten Art, was mir die Situation deutlich angenehmer, wenn auch weniger aufregend, gestaltete.

In einer Ansagepause fragte ich, worum es sich bei ihrem Projekt genau handelte, wenn man von einem Staffelfinale sprach. Das Wort Staffel implizierte ja irgendwie eine fortlaufende Handlung oder sich entwickelnde Charaktere. Alles Dinge, die man nicht per se mit Porno in Verbindung brachte. Während ihrer Antwort öffnete ich mir ein Bier und überhörte deswegen leider die Erklärung.

Der weitere Gig verlief nach Plan. Sie waren alle sehr nett und aufgeschlossen, stellten sogar Nachfragen, wenn ich kleine Hintergrundgeschichten zu den Songs lieferte.

Am Ende fragten sie (und jetzt schlagen wir endlich den Bogen zum Beginn dieses Texts), ob sie das Instrumental von „Fairtrade Cocaine“ als Hintergrundmusik und/oder Intromusik zu mindestens einem ihrer Filme benutzen dürften.

Ich sagte ja. Werbung ist Werbung ist Werbung. Im Nachhinein erfuhr ich über meinen Verlag, dass das so einfach nicht ginge.

Während bei YouTube der Algorithmus entweder meinen Song automatisch erkennt und entsprechende Tantiemen für die Benutzung an mich abführt oder aber es so etwas wie ein Formular gibt, mit dem ich auf meine Rechte verzichten kann, war sich mein Verlag nicht sicher, ob PornHub bereits einen ähnlichen Deal mit den Verwertungsgesellschaften hatte. Das galt es erst zu klären.

Ob es funktioniert, wird die Zeit wohl zeigen. Ich halte euch auf dem Laufenden.

 

Ostertrilogie

Karfreitag

Ich verstecke mich im Probenraum. Ich habe Angst, dass sie mich kriegen. Die Friseure hatten viel zu lange zu und seit der Öffnung sind ihre Kalender bedeutend zu voll gewesen. Meine Haare sind zu lang. Ich sehe ein bisschen aus wie Jesus. Ein bisschen zu viel. Die Witze meiner Bekannten darüber häufen sich. Das aufgesetzte Lachen darüber fällt mir immer schwerer. Jesussein, kein schöner Gedanke an Karfreitag. Das Einzige, was mich vor einer Kreuzigung beschützt, ist meinerseits das Fehlen origineller und provokanter Gedanken und andererseits die Coronabestimmungen, die Massenveranstaltungen (die öffentliche Kreuzigungen bekannterweise sind) illegal machen. Glück gehabt. Nochmal davon gekommen.

 

Ostersamstag

Wisst ihr noch? Osterfeuer? Krombacher oder andere nahezu ungenießbare aber dafür recht teure Biere aus der Flasche. Am Feuer stehen bis jede Faser nach Rauch riecht. Der Kater am nächsten Morgen, der nicht nur Krombacherkopfschmerz mit sich bringt, sondern auch Rauchkopfschmerz. Und überhaupt alles riecht immernoch nach Rauch. Auch nach dem Duschen. Schöner Gedanke eigentlich.

 

 

Ostersonntag

Es ist vollbracht. Ich habe mein erstes Buch zu Ende gelesen. Ich habe öfters ans Aufhören gedacht. Ans Aufgeben. Aber am Ende des Tages war das keine Option. Ich habe mich durchgebissen. Nicht zuletzt, weil die wachen Augen meines Patenkinds auf mir ruhten. Nein, nicht ruhten. Wartend bohrten. Die Geschichte von Lara Laus war einfach zu packend, um mir, dem Onkel, eine Pause zu gönnen. Über 8 bis 10 bunt bebilderte Seiten durschreitet die junge Kopflaus Lara Konflikte, Freundschaften und Familienzwiste. Das alles nur, um die Kopfhaut, ihren Lebensraum, vor einer instensiven Dusche mit Läuseshampoo zu bewahren, die den Läusen bei einer Überbeanspruchung ihres Lebensraums droht. Ob sie es schafft, wollen wir den Lesenden an dieser Stelle nicht verraten. Wahnsinnsmetapher jedenfalls. Aber ich habe es geschafft, die Geschichte nicht nur vollumfänglich zu lesen und zu verstehen, nein(!), ich habe sie sogar vorgelesen. Vor einem echten Publikum, meinem Patenkind. Im Hinterkopf spiele ich mit dem Gedanken, das einzige Buch, das ich je zu Ende gelesen habe, abzufotografieren und auf Insta zu posten. Die Menschen dort (mein aktuell einziges Publikum außerhalb des engeren Familienstammbaums) dürfen ruhig wissen, dass ich lesen kann. Bei meiner grauenvollen Deutsch-Abiturprüfung hat mir das damals niemand geglaubt.

Vielleicht könnte ich auch mehrere Bücher davon aufkaufen und gewinnbringend veräußern, wenn ich genug Werbung auf meinem Instaaccount mache. Die Professoren meines Interim-Studienfachs (Bachelor of Science „Geld und wie man es bestmöglich kumuliert“) wären sicher stolz auf diesen meinen Gedanken.

Meine Schwester bringt Kaffee. Ich lasse Buch und Kind fallen und greife zur Tasse. Ich bin schon lange nicht mehr richtig wach gewesen. Das ändert sich jetzt.

 

 

26. Juli 1984

Es ist früher Abend am Tag meines dreißigsten Geburtstags. Heute möchte ich feiern. Ein paar Freunde sind eingeladen. Also nicht in echt aber digital. Es geht doch nichts über einen guten alten Zoomcall. Man versteht nicht ganz, was die anderen sagen, weil immer, wenn jemand zu laut raschelt, alle Redenden stumm geschaltet werden. Aber Missverständnisse machen das Leben ja gemeinhin interessanter. Ein kleiner Streit stachelt immer auch den Austausch an. Und was ist besser, als sich mal ordentlich Luft zu machen und aneinander abzuarbeiten?

 

Manchmal kommt es auch zu Missverständnissen im echten Leben. So hat mich vorhin ein Sechzehnjähriger vor der Schulbushaltestelle provoziert. Die jungen Leute wissen ja nie wohin mit ihrer Kraft. Eigentlich steh ich da drüber. So als erwachsener Mensch. Aber in dem Moment hatte ich keine Lust auf Drüberstehen und bin drauf eingegangen. Wenn ich die Jungen nicht in ihre Schranken weise, geraten sie vielleicht außer Kontrolle und mir nichts dir nichts sind sie kriminell. Da muss man lieber früh Zivilcourage zeigen.

Es kam zu einem kleinen Wortwechsel, ich hab ihn dumm gemacht und er und seine Freunde mich. Jedenfalls ist es jetzt so, dass ich, bevor ich zu meiner eigenen Zoom-Geburtstagsparty gehe, erst nochmal für eine endgültige Klärung der Sache zur Schule gehen muss. Also nicht, weil mich der Rektor einbestellt hätte oder so. Nein, das wäre ja absurd. Ich bin erwachsen, da hat mir ein Schulrektor nichts zu erzählen.

 

Ich treffe mich mit den Jungs hinter der Sporthalle zum Eins-gegen-Eins-Faustkampf. Kein Treten und nicht unter die Gürtellinie. Das sind die Regeln. Wir sind schließlich keine Tiere.

 

Ich trage ein altes T-Shirt und meine Lieblingsjogginghose. Der Look soll Lässigkeit ausstrahlen. Aber auch, dass ich zu allem bereit bin. Als ich hinter der Halle ankomme, stehen da schon vier Jungs im orangenen Licht der hinter der Hecke untergehenden Sonne. Sie sehen nervös aus. Der, um den es gleich geht, trägt auch ein altes Shirt und eine Jogginghose. Das kann ich respektieren. Ich weise sie nochmal ein: „Also die Regeln sind klar. Faustkampf. Kein Treten, kein Spucken, kein Haareziehen. Auch nicht unter die Gürtellinie. Und es ist Eins-gegen-Eins. Also wenn sich einer von euch anderen einmischt, dann garantiere ich für nichts. Wir wollen ja fair bleiben.“ Sie stimmen zu.

Wir stellen uns zum Kampf auf. Drei Jungs als Umrandung und der eine mir gegenüber. Ich ziehe ein strenges Gesicht.

Den Jungs muss halt mal einer zeigen, dass sie hier nicht einfach so auf offener Straße rumpöbeln können. Und das, was ich hier mache, das nennt man einfach Sozialisation. Sowas braucht es in der Gesellschaft. Leute die mal für etwas einstehen und Unrecht ansprechen. Eins hätte ich fast vergessen:

„Jungs, also egal wie das hier ausgeht. Ihr dürft niemandem davon erzählen, dass ich euch verhauen habe. Sonst heißt es wieder: Ach, der Kerl ist impulsiv und irrational, der schlägt sich mit kleinen Jungs. Der ist bisschen quer im Kopf irgendwie. Aber in die Ecke will ich nicht gestellt werden, da gehöre ich nicht hin. Habt ihr das verstanden?“ Sie nicken schüchtern. „So, dann können wir ja anfangen. Ich hoffe du weißt danach, dass man niemanden einfach so Hurensohn nennen soll.“

„Wie? Deswegen hast du dich vorhin angegriffen gefühlt?“

„Ja, das macht man nicht.“

„Ich habe gesagt: 'Ich finde deine Uhre schön.'“

„Was?“

„Ja.“

Jedenfalls bin ich niemand, der auf Ausreden reinfällt.

Die Faust an meinem (für einen Dreißigjährigen recht dünnen) Arm rast auf das Gesicht des Jungen zu und zeigt ihm, was ihm gezeigt werden musste. Rücklings fällt er auf die Wiese. Die Rolex klirrt am Handgelenk noch etwas nach.

Ich sage: „Es wird frisch, Jungs. Bleib nicht zu lange auf der Erde liegen, sonst erkältest du dich noch. Es zieht langsam an. Der Boden wird feucht.“

Alleine gehe ich in den Sonnenuntergang und ärgere mich, dass ich bei niemandem mit meiner guten Tat prahlen kann. Die Leute verstehen in ihrem starren Denken einfach nicht, dass man sich, um Gutes zu tun, auch mal über gesellschaftliche Stigmata hinwegsetzen muss.

8. März: Endlich mit dem Rauchen anfangen

Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht kein Raucher bin. Moment: Dass ich kein Raucher bin. Wer mich lediglich von Begegnungen vor der Tür der ein oder anderen Abendverastaltung kennt, weiß, dass ich auch kein Nichtraucher bin.

Ich hadere schon lange mit mir. Seit geraumer Zeit überlege ich, endlich mit dem Rauchen anzufangen. Natürlich gibt es guten Grund dagegen. Die Gesundheit, die Umwelt und das Gewissen angesichts auf den Boden gefallener Kippenstummel oder der Produktionsketten der Zigarette überhaupt.

Aber machen wir uns nichts vor. Es sieht halt auch immernoch wahnsinnig lässig aus.

James Deen, James Dean, Frank Sinatra, Helmut Schmidt und der Marlboromann (alles hervorragende Beispiele für den feministischen Kampftag).

Ich meine nicht das Zigarrenrauchen, das im Schwaden alter, buckliger Großunternehmer oder angestrengt niveauvoller Rocker steht, die sich was „Feines“ gönnen wollen und die Zigarre mit einem Jim Beam-Cola paaren.

Nein, ich rede vom Zigarettenrauchen. Dem Besitzen kleiner handlicher Schachteln, die den stinkenden Tod transportieren und wenn man sie erstmal angefangen hat, auch Platz für ein Feuerzeug spenden und im Extremfall auch Raum für kleinere Geldbündel, den Personalausweis oder die Bankkarte lassen.

Aber warum denkt man bei Zigaretten so gern an den Lebemann? An einen knochigen David Bowie mit Sonnenbrille und glühendem Tabak am Mund? Ich sag euch warum.

Weil Rauchen unheimlich schick und aufregend ist.

Wenn man erstmal eine Woche oder so regelmäßig geraucht hat, bemerkt man plötzlich eine gewisse Schwergängigkeit beim Steigen längerer und kürzerer Treppen. Ganz so, als hätte man Sport gemacht oder sei auf dem Heimweg nach einer anstrengenden Reise. Also so, als hätte man tatsächlich etwas erlebt. Und das völlig ohne echte Anstrengung.

Wer mal nur eine enzige Woche etwas regelmäßiger geraucht hat, bemerkt einen lockeren Husten, der sich mit zufriedenstellendem Rasseln aus der Lunge und dem Hals löst. In Zeiten über das Land schwappender Lungenpandemien, ist es unheimlich beruhigend, zu spüren, wie sich der Husten löst, wie man nach kräftigem Räuspern zurück zu Stimme findet.

Und was hält mich auf, endlich mit dem Rauchen anzufangen? Der Geiz.
Und so werde ich weiter nur gelegentlich bei Fremden eine Zigarette schnorren und die soziale Belastung davon in dreißig Jahren von der Krankenkasse auffangen lassen.

Corona und das Jahr des Probenraums
Eine Erzählung

Magnus betrat den Probenraum. Schaumstoff an den Wänden. In der Ecke eine leere Kiste Nörten. Keiner da. Ach doch. Unter einer blauen Maske versteckte sich ein Bassist mit erschreckend langen Haaren. "Na, alles klar mein Sohn?", fragte Magnus. Der Bassist war nicht sein Sohn aber Magnus hatte sich vorgenommen, kauziger aufzutreten, um die Kunstfigur zu schärfen. Respektloses Verniedlichen gehörte da nun dazu. "Das Bier ist leer!", brummte der Bassist tieffrequent und miesgelaunt. "Ich bringe Zigaretten und du das Bier. So war der Deal!"
"Sorry, hab's vergessen. Aber mache jetzt eh mal 'ne Alkoholpause bis die Klausuren vorbei sind und so"

"Dein Ernst?"

"Großer Ernst. Ernst Magnus", anwortete Magnus Ernst.

"Alter wie heinzig", raunte der Bassist.

"Naja, was willste machen?"

"Kannste nix machen."

"Kannste auch nicht. Später kommt einer vorbei, der will uns für 'ne Doku über Musiker während Corona filmen."

"Und was will er da filmen?"

"Was wir so machen. Proben oder so."

"Aber wir proben ja garnicht. Das einzige, was wir machen, ist, dass ich die Zigaretten kaufe und du das Bier. Und nichtmal das machst du."

"Hat ja niemand behauptet, dass die Doku gut werden soll."

Magnus legte endlich die Gitarre in die Ecke. Doch die Jacke behielt er noch an.

"Rauchen?"

"Rauchen."

Nebeneinander standen sie auf der schmalen Stahltreppe an der Seite des Hauses, in dem ungefähr jede Band der Gegend ihren Probenraum hatte. Quatschten, wo sie die Tage sonst so gewesen waren und wie sehr dort überall auch nichts los gewesen war. Überall, wo man war, war nichts los. Außer man war in den Nachrichten. Verrückte hatten gestern das Kapitol gestürmt. Der mitteldeutsche Verband esoterischer GrundschullehrerInnen hatte große Mengen medizinischer Masken und wissenschaftlicher Pandemieliteratur auf dem Marktplatz der Nachbarstadt verbrannt. 5 Meter große Killerentenküken fraßen die letzten Urlauber von den Küsten Südeuropas und aufgebauschte Herden Wildhamster die letzten Ernten von den Feldern.

Der Blick schweifte über die bescheidenen Schornsteige des Industriegebiets Frankenberg-Nord. Das Verhältnis der täglichen Ein- und Auspendler war nach wie vor ausgeglichen. Corona konnte das nicht ändern. Frankenberg blieb stabil.

Dressed in Black: Danger Dan

Heute hat Danger Dan seinen Song „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ veröffentlicht. Es ist ein warmer Tag. Die Sonne scheint und all so Dinge, die Dinge in literarischen Texten so tun. Ich liege mit Kopfhörern an der Lahn in Marburg und scrolle beim Hören durch die Lyrics bei Google und anschließend durch die Instastories meiner Bekannten. Ich denke: „Das, was er sagt, würde ich unter dem Vorsatz, dass Gewalt in der realen Welt abzulehnen ist, zu großen Teilen für richtig halten. Und das alles ist sicherlich von der Kunstfreiheit gedeckt. Warum sollte ein Künstler nicht sagen können, was er meint und wer kann tatsächlich behaupten, zu wissen, was er meint?

Im Deutschunterricht ist ja allen der Unterschied vom Lyrischen Ich zum Verfasser eingebläut worden. Das Lyrische Ich als der im Text Handelnde oder beobachtende Ich-Erzähler*in und der Autor (Danger Dan), der die Figur des lyrischen Ichs in die Welt geworfen hat und sie im Fall des Lieds auch über den Gesang als Medium transportiert. Also soll das Lyrische Ich doch sagen, was es will und das Publikum soll eine einordnende Meinung dazu haben. Das ist ja das, was Kunst sein sollte.

Gedankenanstoß.

Finde ich es gut, dass er von Militanz redet oder finde ich den Begriff zu gewagt? Sollte Kunst alles dürfen und ist Ken Jebsen ein gottvedammter Hurensohn? Danger Dan wirft die Fragen auf, die wir dann für uns zu beantworten haben. Natürlich kann man versuchen, aus dem gesungenen Text herauszuhören, was die wahre Meinung zu all den Dingen in Danger Dans Kopf ist. Aber allein der Versuch entbehrt jedweden Sinns. Denn das ganze Stück könnte einzig und allein die Grenzen der Kunstfreiheit selbst zum Ziel haben und die mitunter radikal scheinenden Aussagen sind Mittel zum Zweck, um uns eben jene Grenzen zu zeigen. Dann wäre ein Verbot einiger Aussagen Quatsch, weil nicht die Aussagen selbst, sondern ihre Implikationen die eigentliche Aussage sind.
Oder aber wir halten Danger Dan für schlauer als er ist und er wollte einfach nur radikale Meinungen kundtun und hat in einem Glücksgriff eine Debatte über die Kunstfreiheit angestoßen. Auch dann bleibt die Debatte und der Song behält seinen Wert.

Und allein, dass wir die innere Intention Danger Dans von außen nicht klären können, zeigt, dass die Frage danach zwecklos ist.

In der gleichen Woche reagiert meine Filterblase äußerst gereizt auf den BR, der eine Satiresendung ausgestrahlt hat, in der irgendein Herr Schleich sein Gesicht schwarz anmalt und den halbafrikanischen, unehelichen Sohn Franz-Josef Straußs mimt, der dort anscheinend in einem fiktiven Land als korrupter Führer agiert. Der Clip ist natürlich erstmal ein Ufff-Moment. Macht der Kerl ernsthaft Blackfacing im Jahr 2021? Ist der Witz nicht (Blackfacing hin oder her) abgeschmackt und platt? Ist etwa unsere blasenintern so intensiv geführte Debatte über Rassismus immernoch nicht richtig nach außen geschwappt? Was will der Kerl eigentlich damit sagen (!)? Stimme ich der von mir vermeintlich identifizierten Aussage zu und finde ich die Umsetzung gelungen? Das sind alles Fragen, die man sich stellen sollte. Das sind Fragen, zu denen man seine Meinung kundtun sollte. Man sollte die Debatte direkt nutzen, um die Blackfacingproblematik einer offensichtlich neuen Zielgruppe näher zu bringen. Man sollte sagen, dass man den Witz nicht witzig, die Aussage stumpf und albern und das intellektuelle Niveau der Sendung im Allgemeinen minderbemittelt findet, wenn das die eigene Meinung ist. Man sollte erkennen (wie auch schon letztens beim WDR mit Gottschalk und Co), dass eine Debatte unter ohnehin Gleichgesinnten eben auch nur genau die erreicht und alle anderen ebenso selbstbeschrieben unrassistischen Personen der Durchschnittsbevölkerung nicht. Es lebe der Algorithmus sozialer Medien und der eisern unter sich bleibende Kneipenstammtisch an Tisch 3 der Dorfkneipe.

Aber sollte man den BR angreifen, der als Medium einem Künstler freie Hand lässt, wenn man in der gleichen Woche stolz ein Pianocover von „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ bei YouTube hochgeladen hat? Sollte man das Medium angreifen, das einem Künstler die Möglichkeit gibt, auch falsch zu liegen, während man versucht den rechten Spinnern klar zu machen, dass die öffentlich-rechtlichen keine gleichgeschalteten Systemmedien sind?

Ich weiß ja nicht.

Meine Freiheit ist, so anstrengend es auch ist, die Freiheit der anderen. Ich darf nicht mögen, was sie tun und das sagen. Aber vielleicht bleibt Freiheit bleibt Freiheit bleibt Freiheit.“

Genug gedacht für heute, denke ich. Ich stehe auf und finde die Liebe meines Lebens, begehe einen Mord oder kaufe mir ein Eis. Eben eine dieser Sachen, die Figuren in literarischen Werken so tun.